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Das Dazwischen von Mosbach

  • Autorenbild: Feder
    Feder
  • vor 1 Tag
  • 7 Min. Lesezeit

Wir schreiben den 22. November 2004. Auf dem nostalgisch angehauchten Weihnachtsmarkt im Herzen von Mosbach/Baden, eingerahmt von den stolzen, jahrhundertealten Fachwerkhäusern rund um den Marktplatz, drängten sich die Besucher. Der Duft von gebrannten Mandeln und heißem Apfelglühwein lag in der kalten Abendluft, während über den Buden das sanfte Licht der Lichterketten auf den nassen Kopfsteinpflastern schimmerte. Aus den Lautsprechern der Stände mischte sich ein nostalgischer Soundtrack: Mal erklangen die warmen, romantischen Töne von alten Weisen wie „Es ist ein Ros entsprungen“, im nächsten Moment dröhnte Wham!s „Last Christmas“ durch die Gassen, dicht gefolgt von Band Aids „Do They Know It’s Christmas?“, das im Jahr 2004 gerade in seiner damals brandneuen „Band Aid 20“-Version die Charts stürmte.


Mitten in diesem dichten Gedränge prallten drei Gestalten aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein könnten: das Ja, das Nein und das Unentschieden. Sie, die sich seit anno Domini kennen und im Jahresverlauf allzu oft aufeinandertreffen, hatten es über die Zeit hinweg geschafft, sich im Advent zu begegnen.


„Wollte es das Schicksal, dass wir uns heute gegenüberstehen?“, fragt sich jeder von ihnen. Ein kalter Windstoß fegte vom nahen Odenwald herab und strich am altehrwürdigen Mosbacher Rathaus vorbei. Nach einem Moment bedächtiger Schweigsamkeit sagt das Ja mit fragenden Augen: „Hallo?“


„Wie geht es?“, wirft das Unentschieden ein. Seine Stimme klang sanft, fast ein wenig hauchig, und endete in einer Art fragenden Melodie. Es steckte in einem wendbaren, grauen Blouson, der farblich völlig mit der winterlichen Dämmerung verschmolz. Unschlüssig tippelte es von einem Fuß auf den anderen, die Hände tief in den Taschen vergraben, während sonstige Blicke rastlos zwischen den beiden anderen hin- und herwanderte.


„Wie immer!“, meint das Nein und zwinkert dem Ja zu. Das Nein sprach mit einer tiefen, klaren und unerschütterlich festen Stimme. Es stand kerzengerade da, gehüllt in einen schweren, perfekt geknöpften Mantel aus schwarzer Wolle. Der Kragen war hochgeschlagen, doch das feine, fast unmerkliche Lächeln auf seinen Lippen verriet, dass die frostige Fassade bröckelte.


Das Ja hingegen strahlte eine einladende Wärme aus. Es trug einen leuchtend roten Schal, der locker um den Hals geworfen war, und hielt die Hände offen vor sich, als wolle es die ganze Welt umarmen. Seine Stimme war hell, melodisch und voller Resonanz, als es eine kleine Dampfwolke in die Kälte blies.


„’Wie immer’ klingt so statisch“, sagte das Ja und deutete mit einer fließenden Bewegung hinüber zu den beleuchteten Fenstern der Stiftskirche, die majestätisch über dem Marktplatz aufragte. „Schaut euch die Menschen an. Sie strömen hierher. Und im nächsten Monat, an Heiligabend, werden sie diese Kirche stürmen. Ausgerechnet sie – die das restliche Jahr über so konsequent wegbleiben.“


Während sie sprachen, drängte sich ein älterer Mosbacher im dicken Lodenmantel an ihnen vorbei. Er hielt inne, rückte seine Brille zurecht, schaute auf die drei ungewöhnlichen Gestalten und schnaufte in seinen grauen Bart: „Verzeihung, die Herrschaften. Ihr steht hier mitten im Weg rum wie die Ölgötzen. Geht ihr jetzt rein in die Kirch' oder bleibt ihr draußen auf 'n Glühwein? Man muss sich halt mal entscheiden im Leben!“


Das Unentschieden zuckte heftig zusammen, trat von einem Fuß auf den anderen und murmelte eilig: „Nun ja… also eigentlich beides… oder keines von beiden, das kommt ganz darauf an…“

Das Nein verschränkte die Arme vor der Brust, blickte den Mann streng an und sagte fest: „Draußen bleiben. Es ist konsequenter.“

Das Ja aber lächelte den Mosbacher warm an, legte den Kopf schief und entgegnete melodisch: „Wir gehen hinein. Weil dort drinnen Platz für alle ist.“

Der alte Mann schüttelte nur den Kopf, brummelte etwas von „Kauzige Jugend heute“ und zog kopfschüttelnd weiter in Richtung der Stände, an denen gerade Mariah Careys „All I Want for Christmas Is You“ aus einem alten Kassettenradio plärrte.


Das Unentschieden zog die Schultern hoch, blickte dem Mann nach und wiegte den Kopf. „Vielleicht hat der alte Mann recht. Unter dem Jahr ist der Alltag so laut, da passt Gott nicht ins Konzept der Menschen. Aber an Weihnachten? Da gehört es eben dazu. Man will die Tradition wahren, ohne sich gleich für das ganze Jahr zu verpflichten. Es ist ein Dazwischen.“


Das Nein schüttelte den Kopf, die Bewegung war kurz und bestimmt. „Es ist pure Heuchelei“, stellte es mit seiner sonoren Stimme fest. „Das Jahr über sagen sie ‚Nein‘ zum Glauben, ‚Nein‘ zur Gemeinschaft, ‚Nein‘ zum Innehalten. Sie wollen mit der Kirche nichts zu tun haben. Aber wenn die Kerzen brennen und die Sehnsucht nach heiler Welt hochkocht, wollen sie das schnelle ‚Ja‘ des Trostes. Sie nutzen die Kulisse.“


„Nein, so einfach ist das nicht“, widersprach das Ja sanft, und seine Augen leuchteten im Schein der Marktbuden auf. Es trat einen Schritt auf die beiden zu. „Es ist keine Heuchelei, es ist Hoffnung. Unter dem Jahr drückt das Leben die Menschen nieder. Sie müssen funktionieren. Aber an Weihnachten erlaubt sich ihre Seele für einen Abend, wieder an das Wunderbare zu glauben. Die Kirche ist an diesem Tag der einzige Ort, der groß genug für all ihre ungesagten Sehnsüchte ist. Kommt, lasst es uns selbst ansehen.“


Das Ja nahm das Unentschieden an der Hand, und selbst das Nein leistete keinen Widerstand, als sie gemeinsam die schweren Holztüren der Stiftskirche aufstießen.


Drinnen empfing sie schlagartig eine tiefe, fast greifbare Stille. Die Popmusik des Marktes verstarb draußen vor dem Portal. Nur das ferne, gedämpfte Echo eines alten, romantischen Chorals war noch zu ahnen. Der immense Raum war kühl, doch das sanfte Flackern Dutzender Opferlichter tauchte die gotischen Bögen in ein warmes, goldenes Licht. Es roch nach altem Holz, Weihrauch und der Einsamkeit von Jahrhunderten.


Das Unentschieden atmete tief ein. Seine Stimme verlor im sakralen Raum plötzlich all ihre zittrige Unsicherheit und wurde ganz ruhig. „Hier drinnen…“, flüsterte es und blickte hinauf zu den bunten Kirchenfenstern, „…hier drinnen schwindet der Druck, wählen zu müssen. Einmal im Jahr wollen die Menschen sich nicht entscheiden zwischen ihrem Zweifel und ihrem Glauben. Sie wollen nur ihre Last ablegen und da sein.“


Das Nein schwieg lang. Es blickte auf die leeren Kirchenbänke, die in wenigen Wochen aus allen Nähten platzen würden. Man sah das goldene Licht, das mit der Dunkelheit tanzte. Schließlich lockerte es den obersten Knopf seines schweren schwarzen Mantels. „Nun gut“, sagte es, und der strenge Ton wich einer rauen, ehrlichen Herzlichkeit. „Es ist ein temporärer Waffenstillstand mit der Realität. Aber vielleicht… vielleicht braucht die Menschheit genau diesen einen Ort, an dem ihr ‚Nein‘ zum Leben für eine Stunde schweigen darf.“


Das Ja lächelte still, trat an den Kerzenständer und entzündete ein kleines Licht. Das warme Leuchten spiegelte sich in seinen Augen.


Als sie die Kirche wieder verließen, schlug ihnen die frostige Odenwaldluft entgegen, begleitet von den fröhlichen Klängen von „Driving Home for Christmas“. Sie steuerten auf den Glühweinstand am Rathaus zu. Das Unentschieden zog erleichtert die drei Wertmarken hervor, doch noch bevor es bestellen konnte, trat eine vierte Gestalt aus dem Halbschatten der Bude zu ihnen.


Sie trug einen schlichten, fast zeitlosen Mantel aus sandfarbenem Leinen, der trotz des dünnen Stoffes eine unerschütterliche Wärme abzustrahlen schien. Ihre Augen waren von einer tiefen, beruhigenden Klarheit, und als sie sprach, klang ihre Stimme wie das leise, stetige Summen eines alten Schlafliedes – sanft, unaufdringlich, aber absolut gewiss. Es war der Glaube.


„Ihr sprecht über das Dazwischen“, sagte der Glaube mit einem versöhnlichen Lächeln und nickte dem Unentschieden zu. „Und ihr sucht nach den Gründen für diesen einen Abend im Dezember.“


Das Nein blickte die neue Gestalt prüfend an und hob eine Augenbraue. „Sie kommen nur für die Kulisse und die Rührung. Das ist kein echter Glaube. Das ist Kitsch.“


Der Glaube schüttelte sanft den Kopf. Seine Bewegungen waren von einer tiefen Ruhe. „Es ist kein Kitsch, mein strenger Freund. Es ist das Fundament, auf dem wir alle stehen. Die Menschen sagen das Jahr über oft ‚Nein‘, weil die Welt laut, ungerecht und fordernd ist. Sie flüchten sich in das ‚Unentschieden‘, weil das Leben sie zwingt, vorsichtig zu sein. Aber Weihnachten… Weihnachten ist der Moment, in dem die Masken fallen.“


Er trat einen Schritt näher zu der Gruppe und legte dem Unentschieden beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Wenn die Menschheit an Heiligabend in die Kirche strömt, dann tut sie das nicht aus Heuchelei. Sie tut es, weil an diesem Abend die Sehnsucht nach Frieden größer ist als jeder Zweifel. In dieser einen Nacht öffnet sich das ‚Dazwischen‘. Es wird zu einer Brücke. Die Menschen müssen dort drinnen keine Antworten parat haben. Sie müssen sich nicht zwischen dem Ja und dem Nein des Alltags zerreißen lassen. Die Kirche an Weihnachten ist ein Versprechen: Ihr seid willkommen, eben genau so, wie ihr seid – mit all euren Brüchen, eurer Skepsis und eurer Sehnsucht.“


Das Ja spürte, wie die eigenen Augen feucht wurden, und nickte heftig. Selbst das Nein senkte den Blick, während seine feste Haltung ein wenig nachgab.


„An Weihnachten“, fuhr der Glaube leise fort, „halten sie für ein paar Stunden den Atem an und erlauben sich, Teil von etwas Größerem zu sein. Es ist das Fest der Versöhnung der Menschheit mit sich selbst. Und das ist echt. Auch wenn es nur für einen Abend hält, hinterlässt es eine Spur in ihren Herzen für das restliche Jahr.“


Das Unentschieden reichte dem Standbetreiber nun mit einer festen, ruhigen Hand die Wertmarken. Als es sich umdrehte, hielt es vier dampfende Becher in den Händen. „Auf das Suchen, das Finden und auf das, was uns alle verbindet“, sagte es, und seine Stimme schwankte kein bisschen mehr.


Das Ja strahlte. „Ja, unbedingt!“

Das Nein schmunzelte und stieß seinen Becher sanft an den des Glaubens. „Warum eigentlich nicht?“


Gemeinsam tranken sie inmitten der Mosbacher Fachwerkkulisse des Jahres 2004, während im Hintergrund leise „Silent Night“ anzustimmen begann. Vier ungleiche Gefährten, die für diesen einen Abend verstanden hatten, warum die Menschen das Wunder brauchten.


Ich stand nur wenige Schritte entfernt an einer Holzwand gelehnt, den dampfenden Becher in den Händen, und hatte jedes einzelne ihrer Worte belauscht. Mein Blick folgte den Vieren noch, wie sie langsam im funkelnden Lichtermelodien-Gewirr des Marktes verschwanden. Das Herz war mir seltsam leicht und weit geworden. Ich drehte mich um und blickte zurück zur Silhouette der alten Stiftskirche.


Die schweren Türen gaben leise nach, als ich erneut eintrat. Wieder empfing mich die weiche, schützende Stille, weit weg vom Trubel des Jahres 2004. Ich suchte mir eine leere, hölzerne Bank im hinteren Teil des Kirchenschiffs, setzte mich und schloss die Augen. Inmitten des sanften Kerzenscheins schickte ich ein kurzes, aber zutiefst inniges Gebet zu meinem Schöpfer – voller Dankbarkeit für das Ja, das Nein, das Unentschieden und für den Glauben, der uns Menschen genau in unserem Dazwischen auffängt.

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