Der Hüter der Seelen
- Feder

- vor 2 Tagen
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Es war der Abend vor dem ersten Advent. Kein gewöhnlicher Abend, sondern einer von jenen, an denen das Jahr für einen kurzen Moment innehält. Es ist, als würde die Welt selbst prüfen, ob alles bereit ist für das, was kommt.
In meinem Kopf waren die Gedanken an diesem Abend viel schneller als die Müdigkeit. Ich dachte an die Dekoration, an den Duft von frischen Plätzchen und an all die kleinen Nikolausüberraschungen. Vierundzwanzig kleine Figuren warteten darauf, ein Kind zu erfreuen – vierundzwanzig Figuren für vierundzwanzig Tage, so wie vierundzwanzig Stunden einen Tag füllen. Und tief in mir spürte ich bereits die leise Ahnung, dass auch diese Adventszeit wieder wie im Fluge vergehen würde. Ehe man sich versieht, ist der siebenundzwanzigste Dezember da. Das ist die Zeit, in der die Fragen kommen. Die Fragen, die man sich stellt, wenn es eigentlich schon zu spät ist, sie noch zu beantworten: Was habe ich versäumt? Was hätte ich liebevoller tun können?
Um mich herum schlief alles. Das Haus was still, nur ich lag wach. Denn irgendetwas fehlte. Es war nicht ein vergessener Stiefel oder eine Weihnachtskarte, die noch geschrieben werden musste. Es waren Worte. Ungeschriebene Worte für so viele Menschen. Es waren zu viele Menschen, um sie jetzt noch alle einzeln zu erreichen – und doch zu wenige, um sie nicht von ganzem Herzen zu meinen.
In dieser Stille dachte ich an den Seelenhüter.
Man erzählte sich alte Geschichten über ihn. Man sagte, man dürfe ihn nur dann aufsuchen, wenn das eigene Motiv absolut rein sei. Nicht aus Neugier, nicht aus Eitelkeit, sondern einzig und allein aus dem Wunsch nach wahrer Verbindung. Und man musste wissen, wie man zurückkehrt. Ich wusste es. Ich hatte den wichtigsten Menschen in meinem Leben ja eben erst einen sanften Gute-Nacht-Kuss gegeben.
Der Schlaf kam schließlich ganz leise. Es war kein tiefes Fallen, sondern ein sanftes Tragen. Ich wurde leicht, so leicht, als wäre ich eine Feder im Wind. Die Nacht öffnete sich vor mir und gab den Blick frei auf ein weites Tal, einen sanften Hügel und ein Haus, das ganz aus Licht und Erinnerung erbaut war.
Er wartete bereits auf mich. Er war alt, so alt, wie nur jemand sein kann, der alles kennt und alles gesehen hat. Er wirkte väterlich, aber ohne jeden Anspruch auf Besitz. Seine Augen glichen tiefen, ruhigen Seen, in denen niemals etwas verloren geht.
„Willkommen, Feder“, sagte er mit einer Stimme, die wie warmer Samt klang.
Drinnen im Haus roch es nach Geborgenheit, nach Holz und nach Zeit. An den Wänden standen Bücher, die Lebensgeschichten erzählten – nicht als starre Chroniken, sondern als lebendige Wege. Und dann sah ich sie: die Kokons. Es waren Seelen, sanft in warmes Licht gehüllt. Jede einzelne von ihnen war ein feines Flackern, jede ein tiefes Versprechen.
Ich sprach nicht laut, aber ich sprach wahr. Ich schickte ihnen meinen Dank, meine Ermutigung und meine tiefste Zuwendung.
„Nicht berühren“, mahnte der Hüter leise, „außer mit Gefühl.“
Und so ließ ich die Liebe sprechen, wo menschliche Hände in diesem Moment nichts zu suchen hatten. Ich verlor jedes Gefühl für die Zeit – aber ich gewann eine unendliche, tiefe Nähe.
„Ich muss zurück“, sagte ich schließlich schweren Herzens.
Der Seelenhüter sah mich an. „Hast du alle erreicht?“ fragte er.
Ich dachte an all die Menschen, die in meinem Leben da waren. Ich dachte an die, die mir jeden Tag nahe sind, und an jene, die schon lange fehlten. Ich schloss sie alle fest in mein Herz ein. „Ja“, antwortete ich.
„Dann öffne die Tür“, sagte er lächelnd, „mit dem, was dich führt.“
Ich tat es. „Eine gesegnete Adventszeit euch allen“, dachte, fühlte und sprach ich in diesem einen, magischen Moment zugleich.
Der Wind trug mich sanft nach Hause. Er war warm wie ein vertrauter Atemzug. Als ich die Augen aufschlug, lag ich wieder in meinem Bett. Das Zimmer war noch dunkel, aber die nächtliche Schwere war gewichen. Eine Hand suchte und fand die meine im Dunkeln, drückte sie sanft und hielt sie fest.
„Es wird alles gut“, flüsterte eine leise Stimme im Halbschlaf.
Ich lauschte auf den gleichmäßigen Atemzug neben mir und blickte hinaus zum Fenster. Draußen begann der Morgen des ersten Advents ganz langsam den Himmel hell zu färben. Ein zarter, goldener Streifen am Horizont vertrieb die Dunkelheit der Nacht.
In diesem Augenblick spürte ich eine tiefe, unerschütterliche Gewissheit. Die Worte, die ich in der Nacht losgeschickt hatte, brauchten keine Postkarten und keine Briefumschläge mehr. Sie waren längst angekommen. Sie wohnten jetzt als unsichtbare Wärme in den Herzen all der Menschen, an die ich gedacht hatte – ganz gleich, wie weit sie entfernt waren oder ob sie diese Welt schon verlassen hatten.
Ein tiefes Gefühl von Frieden breitete sich in mir aus. Die Hektik der kommenden Wochen verlor ihre Macht über mich. Es spielte keine Rolle mehr, ob jeder Plätzchenteller perfekt gefüllt sein würde oder ob die Zeit wieder viel zu schnell verfliegt.
Ich schloss noch einmal für einen Moment die Augen, hielt die warme Hand fest umschlungen und wusste: Solange wir im Herzen miteinander verbunden sind, stimmt das. Solange wir einander festhalten, wird wirklich alles gut.




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