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Das Hochzeitsgeschenk

Autorenbild: Feder
Feder
25. Aug.
5 Min. Lesezeit

Feierabend. Zumindest zu fünfzig Prozent, weil ich noch nicht zuhause bin, aber schon mit der Seele baumeln darf. Hier, im Zug, auf der Strecke Mannheim–Neckarelz. Wochenende. In meinem Bauch rumort diese Unrast, die einen überfällt, wenn man nicht weiß, ob die Zeit für all das reichen wird, was man sich vorgenommen hat. Sie scheint so begrenzt wie die vor mir liegende Fahrtstrecke. Ich sitze in einem dieser Bummelzüge, die an jeder Milchkanne halten, meist aber den Vorteil haben, nicht überfüllt zu sein.

„Ist hier noch frei?“

Ernsthafte Augen hinter ungerahmten Brillengläsern erwarten meine Reaktion. Da das Abteil zu diesem Zeitpunkt, soweit ich es von meinem Platz aus erkennen kann, noch vollkommen leer ist, muss es sich um eine äußerst kontaktfreudige Person handeln. Sie mag zwischen fünfzig und sechzig sein – schwer zu schätzen. Ihre Haut ist beneidenswert glatt und die Mimikfältchen um Augen und Mundpartie sprechen für ein Gleichgewicht, um das sie sich in ihren Lebensjahren verdient gemacht haben muss.

„Bitte. Gern.“ Meine Rechte macht eine einladende Handbewegung in Richtung des gegenüberliegenden Sitzes.

Der puristische Stil der braunen Aktentasche, die sie neben sich stellt, passt zum Gesamteindruck: Eine dunkelblaue Tuchhose, kombiniert mit einer hellblauen Sportbluse. Ihr ehemaliges Braunhaar ist bereits von einigen Silberfäden durchwirkt, reicht ihr etwa bis zu den Schultern und wird im Nacken von einem blau gemusterten Seidentuch zusammengehalten.

 

„Oh Mann, ich fass es nicht. Er hat ihr eine SMS geschickt!“„Wahnsinn.“„Lass mal lesen.“

 „Gib mir sofort das Handy zurück!“

Vier Mädchen im Teenageralter nehmen geräuschvoll zwei Reihen weiter vorne Platz und reißen mich aus meiner Betrachtung. So langsam füllt sich das Abteil. Meine Armbanduhr zeigt kurz nach 18 Uhr und ich hoffe, die Bahn bringt mich pünktlich heim. Wenn nicht, dann ist es Essig mit dem Gang zur Druckerei und unseren Plänen für den heutigen Abend. Oh je! Habe ich überhaupt die Tüte mit den Stiften eingepackt?

Der Verschluss meiner Handtasche klemmt. Ich ziehe etwas stärker als nötig daran. Mit einem lauten Poltern ergießt sich der Inhalt meines Rucksacks auf den Boden und schlittert unter die Sitzreihe meines Gegenübers.

„Entschuldigung. So ein Mist.“

Die Tüte mit den Goldstiften in verschiedenen Größen ist Gott sei Dank auch darunter.

„Hier. Ihre Brieftasche.“ Sie lächelt mich an und reicht mir die Geldbörse.

„Oh. Vielen Dank. Jetzt ist der Schaden behoben, glaube ich.“ Seufzend lasse ich mich in meinen Sitz zurückfallen.

„Es war wohl ein langer Arbeitstag?“ Ihr Gesichtsausdruck strahlt reines Verständnis aus.

„Ja, das auch. Aber ich bin im Moment wohl überhaupt ein wenig nervös. Hochzeitsvorbereitungen, wissen Sie?“

„Wie schön. Wann ist denn der große Tag?“

„In acht Wochen.“ Ich denke schon wieder gestresst an die Druckerei.

„Schon so bald. Dann sind Sie also im Endspurt?“

„Schön wäre es. Ich habe noch keine passenden Hochzeitsschuhe gefunden, der Musiker ist seit Längerem erkrankt und wir müssen dringend Ersatz finden. Der Druck der Hochzeitskarten hat sich verzögert und die Tischkarten sind noch nicht geschrieben. Letztere liegen jetzt bei der Druckerei zur Abholung bereit. Ich hoffe einfach, ich komme rechtzeitig vor Ladenschluss an!“

„Wissen Sie“ – während sie den Dialog fortsetzt, die Beine übereinanderschlägt und es sich im Sitz bequem macht, bleibt mein Blick für einen Moment an ihren in Sandalen steckenden Füßen hängen – „ich habe mir früher auch immer gesagt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Heute denke ich, dass es oftmals besser gewesen wäre, gelassener zu bleiben. Besonders in den Dingen, die einzigartig sind.“

Ihr mittlerer Zeh ist länger als der große Zeh. Genau wie bei Jochen. Es gibt wohl mehr Menschen mit dieser Eigenart, als man denkt.

„Heute bin ich entspannter“, fährt sie fort. „Vielleicht, weil ich über die einzigen Termine, denen ich mich unterwerfe, inzwischen selbst entscheiden darf.“

Mein Blick fällt auf das Buch, das sie in der Hand hält. Spiegelverkehrt lese ich den Titel auf dem Cover: „Romane und Kurzgeschichten schreiben“.

„Sind Sie Schriftstellerin?“ Das würde zu ihr passen.

„Sagen wir es mal so: Man hat Träume. Mein Hobby umzusetzen, ist einer davon.“

„Darf ich fragen, worüber Sie schreiben?“

„Meist sind es Erzählungen oder Kurzgeschichten, die eigene Erlebnisse und Erfahrungen zum Thema haben.“

„Haben Sie schon einmal etwas veröffentlicht?“

„Wenige Male in Zeitungen verschiedenster Art. Wenn es unverfänglich genug war. Der Rest blieb bisher meiner Privatschatulle vorbehalten.“ Bei den letzten Worten lächelt sie etwas verunsichert.

„Sie werden doch keine Mordgeheimnisse dort hüten!“, versuche ich zu scherzen.

Einen Moment lang schaut sie auf den Spiralblock, der unter ihrem Taschenbuch liegt. Als sie sich zu mir vorbeugt, hat ihr Blick etwas Verschwörerisches.


„Ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis“, flüstert sie. „Vor einiger Zeit habe ich mich entschlossen, etwas davon im Selbstverlag herauszugeben. Vor drei Monaten habe ich den passenden Partner dafür gefunden. Wenn alles planmäßig läuft, kann ich dieses Buch meinem Mann übernächsten Monat zu seinem sechzigsten Geburtstag überreichen.“

Also im Oktober. Merkwürdig.

„Ein sehr schönes und ausgefallenes Geschenk.“

„Eine Form der Wiedergutmachung in Worten, wenn Taten unmöglich sind.“

Das wäre ja … Ich schiebe den aufkeimenden Gedanken sofort beiseite. Das kann nicht sein.

„Das Buch wird im Handel erhältlich sein?“

„Grundsätzlich ja. Das heißt, falls es überhaupt jemand lesen will oder darauf stößt. Ich persönlich bin gar nicht so wild darauf, dass es viele lesen. Deshalb wird es auch so wenig Werbung wie möglich geben.“

„Sie sind bestimmt die erste Schriftstellerin mit einem solchen Ansinnen.“

„Mag sein. Aber es stehen höchst persönliche Dinge darin. Vorsichtshalber schreibe ich unter meinem Mädchennamen.“

„Und der ist?“

„Meinhardt. Luise Meinhardt.“

Also doch.

„Darf ich es so verstehen, dass Sie es lesen möchten?“, fragt sie, da sie meinen fassungslosen Blick bemerkt.

„Ja.“ Unbedingt.

Sie greift in das Seitenfach ihrer Aktentasche und zieht eine Visitenkarte heraus. „Bitte sehr. Ich bekomme schon Autorenexemplare, bevor der Handel beliefert wird. Da ich gleich umsteigen muss, bleibt keine Zeit mehr, mir Ihre Adresse zu notieren. Rufen Sie mich einfach in den nächsten Tagen an. Ich schicke Ihnen dann ein Exemplar.“

Ich fühle mich vollkommen benommen.

„Eine letzte Frage noch: Wenn Sie sich einen Wunschleser aussuchen dürften – außer Ihrem Mann – gäbe es da jemanden?“

„Ja. Meinen Sohn.“

„Warum? Bekommt er es denn nicht?“

„Nein. Ich weiß gar nicht, wo er ist. Es ist meine Schuld. Darum geht es in dem Buch. Wenn Sie es gelesen haben, werden Sie es verstehen. Ich habe mich gefreut, Sie kennenzulernen. Auf bald!“

Heidelberg Hauptbahnhof. Für mich liegen noch gut 35 Minuten Zugfahrt vor mir. Sie winkt mir noch einmal zu und verschwindet kurz darauf in der geschäftigen Menschenmenge auf dem Bahnsteig.

Ich denke an Jochen. An den 3. Oktober, den Tag unserer Hochzeit. An den 5. Oktober, seinen sechzigsten Geburtstag. Die Flitterwochen werden wir wohl verschieben müssen. Eine Einladungskarte mehr für die Hochzeit verschicken. Die bloße Vorstellung lässt mein Herz rasen und mich fast vom Sitz springen.

Der Kreis hat sich geschlossen. Auf der Strecke Mannheim–Heidelberg wurde eine schmerzhafte Lücke gefüllt. Jetzt bin ich erst recht gespannt auf meinen Schwiegervater.

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