
Erlebtes und Erzähltes
Das Leben bleibt nicht stehen – es fließt, verändert seine Strömung, überrascht uns an jeder Weggabelung. Hier teile ich Geschichten, die das Leben selbst geschrieben hat. Autobiografische Erzählungen, die von den tiefen, stillen und manchmal wunderbar komischen Spuren handeln, die die Zeit in uns hinterlässt.
Eine unerwartete Handlung
„Manchmal schreibt das Leben Geschichten, die kein Sonett der Welt einfangen kann. Das folgende Ereignis hat sich Ende der 70er Jahre in Düsseldorf genau so zugetragen…“
Mittlerweile waren vier Wochen seit dem Vorfall vor der Haustür vergangen und mir zitterten immer noch die Knochen, wenn ich, wie jetzt, darüber nachdachte, wie das Ganze hätte ausgehen können.
Ich war auf dem Rückweg von einer Freundin, bepackt mit Badetasche, weil wir schwimmen gewesen waren und in der rechten Hand leihweise deren Staubsauger haltend, weil meiner den Geist aufgegeben hatte.
Es war ein kurzer Weg von der Straßenbahn zu dem Appartementhaus, in dem ich wohnte. Nur einmal über die Ampel, ein kleines Stück durch den Park, welcher offen zu einer Seite an die meist dicht befahrene Graf-Adolf-Straße grenzte, dann noch einmal über eine Ampel und man stand vor der Haustür.
Mittlerweile zeigte der Kalender Anfang November und es wurde schon früh dunkel. Es war kurz nach 23 Uhr an dem besagten Tag gewesen. Meine Freundin Gabi und ich hatten die letzten Sonnenstrahlen ausgekostet, in einem Bistro noch etwas gegessen und nach dem Umweg über ihre Wohnung, um mir ihren Staubsauger auszuleihen, hatte ich mich auf den Heimweg gemacht. Es war, wie gesagt, kurz nach 23 Uhr gewesen, als die Straßenbahn hielt und die Durchsage: „Schwanenspiegel! Weitere Verbindungen in Richtung …“ durch den Lautsprecher kam und ich ausstieg. Jetzt nichts wie heim, unter die Dusche und ab ins Bett.
Woran ich die letzten Meter bis zur Haustür gedacht hatte, wusste ich jetzt nicht mehr genau. In Erinnerung blieb jedoch, dass mir jemand im Parkstück entgegengekommen war, etwas gemurmelt hatte und weiter ging. Kurz vor der Haustüre hörte ich Schritte. Genauer gesagt, wie jemand über Kies rannte. Der Kies lag im Parkstück, welches ich soeben hinter mir gelassen hatte.
Für einen Moment hatte ich darüber nachgedacht, ob die Schritte wohl zu jemandem gehörten, der, wie ich, auch ins Haus wollte, hier wohnte, und für einen Bruchteil zog ich in Erwägung, die Türe zu öffnen und dem nach mir Kommenden aufzuhalten. Irgendetwas ließ mich aber anders entscheiden. Ich ließ den Schlüssel im Schloss und wartete ab. Das Folgende passierte sehr schnell.
Ehe ich mich versah, hatte jemand die Hand von hinten an meinen Hals gelegt und zugleich spürte ich einen spitzen Gegenstand in meinem Rücken. Dazu vernahm ich wie benommen die gepresst klingende Stimme an meinem Ohr:
„Mach die Tür auf, und keinen Mucks, sonst steche ich dich ab!“
Oft hatte ich mir vorgestellt, wie man in so einem Moment reagiert, vor allem, wie am besten. Jetzt sollte mir aber nur einfallen, wieso es ausgerechnet heute kaum Autoverkehr zu geben schien. Wieso, gute tausend Meter vom Polizeipräsidium Düsseldorf entfernt, irgendein Irrer so etwas wagte und wieso mich dafür ausgesucht hatte. Im nächsten Moment hörte ich mich sprechen:
„Ja, so kann ich die Tür kaum aufkriegen! Lassen Sie bitte mal die Hand etwas los!“
Dass er es tat, wird aus seiner Sicht ein Fehler gewesen sein, denn in der nächsten Sekunde verrutschte seine Hand ein Stück nach oben, so dass ich die Möglichkeit hatte, mit aller mir zur Verfügung stehenden Kieferkraft hineinzubeißen. Ich fuhr herum, versetzte ihm, der mir gegenüber mindestens 50 Kilo im Vorteil zu sein schien, einen Stoß, ließ alles, was ich über der Schulter hängen und in der Hand gehalten hatte fallen und rannte aus Leibeskräften schreiend über die immer noch kaum befahrene Hauptstraße zwischen wenigen hupenden Autos hindurch zurück in Richtung City.
Kurz vor Astropolos, dem griechisches Restaurant, hörte ich auf zu rennen. Nicht, weil ich wollte, sondern weil mir die Puste auszugehen schien, das Herz bis zum Hals schlug. Schweißüberströmt eilte ich in das Lokal zur Theke und brüllte dem verdutzten Besitzer: „Hilfe! Bitte helfen Sie mir!“ ins Gesicht.
Ein Erkennen blitzte in seinen Augen auf. Jeden dritten Sonntag traf ich mich in seinem Lokal mit meinem Vater zum Essen.
„Mädchen! Was ist passiert?“
Während ich nach Luft rang, bat er einen der Kellner, mir etwas zu trinken zu geben.
Nach den ersten Schlucken, die in meiner Kehle brannten, fand ich die Sprache wieder und erzählte in Stichworten, was beinahe passiert war.
Nach einer guten halben Stunde, in der er gefragt hatte, ob er die Polizei rufen sollte und ich entgegnete, dass ich nur noch heim wollte und am nächsten Tag persönlich im Präsidium erscheinen würde, um eine Anzeige gegen unbekannt zu erstatten, beauftragte der Besitzer des Lokals einen seiner Kellner, mich heimzugeleiten, dort nach dem rechten zu sehen.
Am nächsten Tag hatte ich dann die Abteilung des PD durchwandert, die man bei einer solchen Art Anzeige konsultiert. Unter anderem auch ein Gespräch mit einer Kommissarin geführt und ich fragte mich, wie es Frauen gehen muss, denen „wirklich“ etwas passiert war. Man erlebt den Schock zum einen sozusagen wiederholt, zum anderen wird suggeriert, dass man als Frau ein Signal abgibt, auch wenn es sich dabei „nur“ ein Sommerkleid gehandelt hat.
Am gleichen Abend dieses Spätsommers war ich bei meinen Eltern vorbeigefahren und erhielt von meinem völlig entgeisterten Vater eine Schreckschusspistole. Rein für „alle Fälle“ und am darauffolgenden Tag über einen Bekannten ein so genanntes Pfefferspray. Letzteres hatte ich wenige Tage später in den Hausmüll geworfen, weil es auslief.
Nun saß ich da, in Erinnerungen vertieft, mit einem vor Hunger grummelnden Magen und traute mich nicht raus. Was tun? Der Drang nach Essen von der Pommesbude um die Ecke war stärker. Kurz entschlossen nahm ich den schwarzen Lackmantel, den man Ende der 70er zu tragen pflegte, vom Haken, schlüpfte hinein, trat vor den Spiegel und warf den schwarzen Netzschal um den Kopf. Auf dem Küchenschrank lagen Geldbörse, Schlüssel und Schreckschusspistole. Alles schwarz, dachte ich noch, steckte die Sachen in meine Manteltasche, öffnete die Tür, um sie im nächsten Moment gleich wieder hinter mir ins Schloss zu ziehen.
Der Aufzug kam prompt. Gott sei Dank! Wenige Minuten später war ich auf der Straße und rannte mehr als ich ging in Richtung Burger-Store. Das Rennen war ich gewohnt, denn seit diesem einen Tag hatte ich das Gefühl, mich außerhalb der Räume meines Arbeitgebers, meiner Familie, Freunden oder meiner eigenen nicht mehr normal bewegen zu können.
„Guten Abend!“
Die Bedienung hinter der Theke, eine Frau mittleren Alters, drehte sich um.
„Hallo! Was darf es sein?“ Sie lächelte freundlich.
„Einen Hamburger, eine Portion Pommes und eine Flasche Cola.“
„Zum Mitnehmen?“
„Ja, bitte!“
Nach wenigen Minuten, in denen ich mich im Lokal umgesehen hatte, war alles verpackt. Hier war niemand, der mir würde folgen können. Hoffentlich auch draußen nicht, auf den zwei Straßen bis zur Haustür und im Treppenhaus bis zum Wohnungseingang. Mich fröstelte es bei dem Gedanken, gleich den Heimweg antreten zu müssen.
„Zehn Mark zwanzig bitte!“
Ich nestelte in der Manteltasche nach meiner Geldbörse und spürte etwas Glattes, wie Leder. Ich zog es heraus. Mein Haustürschlüssel! Wieder griff ich in die Manteltasche, dieses Mal unter den Blicken der Bedienung. Ich zog es heraus und …
Herrje! Als hätte ich mir die Finger verbrannt, legte ich das Teil auf der vor mir stehenden Ladenkasse ab.
„Das war’s nicht!“ meinte ich, teils verlegen, teils erklärend.
Die Frau starrte wie hypnotisiert auf die Waffe und reichte mir im nächsten Moment meine Imbisstüte mit dem Ausruf: „Ist schon o. k. so!“
Diese Bemerkung „überhörend“ klappte ich meine mittlerweile aufgetauchte Geldbörse auf und hielt ihr zwanzig Mark hin.
Stille.
Dann gab sie mir wie in Zeitlupe mein Wechselgeld.
„Guten Abend.“
Ich wartete nicht ab, sondern ergriff in Windeseile meine Warentüte und verschwand im Dunkel des späten Abends. Auf der Straße angekommen rannte ich zurück in Richtung Wohnhaus, als wäre der Leibhaftige hinter mir her. Jedoch dieses Mal aus unterschiedlichen Gründen.
Die Ankunft daheim hatte ich mir anders vorgestellt. Ängstlich. Außer Atem. Wie sonst. Jetzt rang ich auch nach Luft, während die Augen tränten. Vor Lachen über diese Situationskomik.
