Der Trank der Götter
- Feder

- 28. Sept. 2025
- 4 Min. Lesezeit
„Stellen wir uns einmal vor“, begann der alte Mann und legte eine kleine Pause ein. Einer aus der Gruppe nahm gerade sein Glas vom Tisch, führte es zum Mund.„Stellen wir uns vor, im Kelch der Liebe sei mehr enthalten als nur das süße Glücksgefühl. Zutaten, verborgen, kaum erkennbar, die wir unbewusst mittrinken.“
„Sie meinen, je öfter wir davon kosten, desto sicherer werden wir?“
Natürlich war es Marko. Mein langjähriger Sandkastenfreund hatte die unselige Angewohnheit, keine Stille auszuhalten. Ironie sprudelte ihm stets wie ein zu früh entkorkter Schaumwein aus dem Mund.
„Musst du immer dazwischenfunken?“, zischte ich. „Du kennst den Mann doch nicht. Was soll er von uns denken?“
„Da Sie alle zu einem Seminar über Wein und Geist gekommen sind“, entgegnete der Redner, „halte ich es für nützlich, wenn zwischendurch auch ein Schmunzeln Platz hat.“
Das Lachen ging eindeutig auf unsere Kosten. Marko grinste nur, verschränkte die Arme und legte ein Bein über das andere – die Pose eines Mannes, der wusste, dass er den Raum auf seiner Seite hatte. Immerhin: Aus dem Grinsen sprach Sympathie.
„Wann waren Sie zuletzt verliebt?“, fragte der Alte und wandte sich an eine Frau in der zweiten Reihe.
Sie zuckte zusammen. „Vor kurzem. Warum?“
„Wussten Sie, ob es gut geht?“
„Nein. Ich glaubte es.“
„Sie sprechen in der Vergangenheit.“
„Ja. Es kam anders.“
„Das tut mir leid.“ Er verneigte sich knapp – vielleicht ein Zeichen von Respekt für ihre Offenheit – und griff das Wort auf, das wie ein leiser Zauber im Raum nachhallte: „Vergangenheit.“
Einige Sekunden Stille, dann fuhr er fort:
„Ich möchte Ihnen heute Abend eine Geschichte erzählen. Nein – nicht erzählen: Sie entführen. Morgen beginnt der theoretisch-praktische Teil mit abschließender Verkostung. Heute aber, so Gott will und Sie mir folgen mögen, der geistige, der literarische.“
Die Aufmerksamkeit war nun spürbar im Raum.
„Es gab viele Götter in früheren Epochen, wie Sie wissen. Aber was war davor? Am Anfang schuf Gott die Welt, dieses leuchtende Stück im Dunkel des Alls, das wir Erde nennen.Er wollte Wesen auf ihr wandeln sehen, und so entstanden die Engel. Paradiesische Zustände, so schien es. Doch nicht für lange. Denn was geschieht mit Wesen, die keinen Widersacher kennen?
Sie teilten sich in zwei Gruppen: die einen blieben ihrem Schöpfer treu, die anderen hielten ihn für entbehrlich. Sie vergaßen, wem sie ihr Dasein verdankten. Gott aber nahm ihnen etwas – nicht ihre Schönheit, nicht ihre Gestalt, sondern ihren Glanz. Jenen Glanz, den wir beim Wein Reinheit nennen.“
Ein Raunen ging durch die Gruppe.
„Stellen Sie sich Engel nicht als geflügelte Lichtgestalten vor. Sehen Sie sie, wie Gott sie sah: wie Menschen, mit Vorlieben, Talenten – und Abgründen. Gut waren nicht sie, gut waren allein die Umstände. Gott jedoch ist ein liebender Gott, und so ließ er auch den Fall zu.“
Ich spürte Markos Hand auf meinem Arm. Er wollte mir gewiss ins Ohr flüstern, warum ein Himmel gespalten sein musste, wenn Gott doch Liebe ist. Aber er schwieg, und ich war dankbar dafür.
„Auch Engel hatten Entscheidungsfreiheit“, fuhr der Alte fort.
„Einige nutzten sie zur Selbstdarstellung – und missbrauchten sie. Gott ließ sie ziehen. Doch etwas blieb ihnen verwehrt: die Liebe. Sie war von Anfang an über sie gestellt. Kein Engel, weder treu noch gefallen, konnte sie besitzen. Nur kosten, wie wir vom Wein. Und genau darin, meine Damen und Herren, liegt das Geheimnis.“
Er nahm sein Glas, hob es langsam in die Höhe. Das Licht der Kerzen brach sich im Rubinrot.
„Liebe“, sagte er leise, „ist der Trank der Götter. Nicht uns gegeben, um sie zu beherrschen, sondern um uns an ihr zu prüfen.“
Der Alte ließ das Glas in seiner Hand langsam kreisen, als wolle er die Gedanken darin aufwirbeln. Niemand sprach, niemand bewegte sich. Nur das leise Klingen des Weins gegen die Glaswand war zu hören.
„Sie fragen sich vielleicht“, fuhr er fort, „warum ausgerechnet Wein seit Jahrtausenden als Sinnbild der Liebe gilt. Er berauscht, ja. Er wärmt, er macht offen. Aber er prüft uns auch. Wer zu viel davon nimmt, verliert sich. Wer ihn in Maßen genießt, erkennt die Tiefe. So ist es auch mit der Liebe. Sie entzieht sich dem Besitz. Sie will geteilt, nicht gefesselt sein.“
Sein Blick wanderte über die Reihen, als wolle er jeden Einzelnen prüfen.„Die gefallenen Engel haben diese Prüfung nicht bestanden. Sie wollten die Liebe festhalten wie eine Beute – und sie verloren sie. Wir Menschen dagegen dürfen an ihr nippen, wie an einem Kelch. Nicht, weil wir stärker wären, sondern weil Gott uns schwächer gemacht hat. Und gerade diese Schwäche macht uns würdig, den Trank zu kosten.“
Marko räusperte sich. Ich kannte dieses Zeichen. Er stand kurz davor, eine ironische Bemerkung in den Raum zu schleudern. Doch er tat es nicht. Zum ersten Mal an diesem Abend blieb er still. Vielleicht hatte der Alte sogar ihn erreicht.
„Denken Sie an Ihre letzte Liebe“, sagte der Mann leise. „War sie Glück? War sie Schmerz? War sie vielleicht beides? Der Trank der Götter hat viele Geschmacksnoten – süß, herb, schwer, leicht. Wer nur den süßen Teil verlangt, betrügt sich selbst. Wer den bitteren meidet, verpasst die Reife. Erst die Mischung macht den Wein vollkommen. Erst die Mischung macht die Liebe wahr.“
Er stellte das Glas ab.„Und deshalb, meine Freunde, liegt im Kelch der Liebe nicht das Versprechen ewigen Glücks. Sondern die Einladung, Mensch zu sein – verletzlich, suchend, irrend, liebend. Ein Schluck davon genügt, um uns daran zu erinnern, wer wir sind.“
Die Stille danach war dicht wie Samt. Niemand wagte, zu applaudieren oder eine Bemerkung zu machen. Man hörte nur das Knistern der Kerzen.
Marko lehnte sich zu mir und flüsterte:„Weißt du was? Zum ersten Mal schmeckt mir der Wein gerade auch ohne Worte.“
Ich nickte, und wir tranken beide – diesmal schweigend.
Der Abend endete ohne das übliche Stimmengewirr, das sonst nach Vorträgen aufbrandet. Es war, als hätten die Worte des Alten einen stillen Teppich ausgelegt, über den niemand laut hinweggehen wollte.
Wir verließen den Saal, jeder mit seinem Glas in der Hand, doch kaum jemand trank. Vielleicht, weil wir alle spürten, dass der Wein, den wir hielten, plötzlich mehr bedeutete als ein Getränk.
Draußen lag die Nacht kühl und klar über den Dächern. Marko steckte die Hände in die Taschen, schaute nach oben und murmelte:
„Wenn das der Trank der Götter ist, dann sind wir wohl für einen Moment alle ein Stück göttlich gewesen.“
Ich schwieg. Denn manchmal, wusste ich nun, spricht die Liebe selbst am lautesten, wenn wir nichts sagen.




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